Ergebnisse aus Fragebögen richtig einschätzen

22.05.2018 | Fragebogen , Auswertung

Ergebnisse aus Mitarbeiterbefragungen lösen immer wieder Jubel oder Bestürzung aus. Meistens zu Unrecht. Lesen Sie hier, wie Sie das richtige Maß in der Bewertung finden. 

Ergebnisse einer Mitarbeiterbefragung können echte Dramen auslösen, wahlweise Begeisterung (bei hohen Ergebniswerten) oder Bestürzung (bei niedrigen Ergebniswerten).

Ein nüchterner Blick auf die Fähigkeiten des Fragebogens als Messverfahren kann solche pulstreibenden Fehleinschätzungen vermeiden.

Denn ein Fragebogen ist eher ein grobes als ein feines Mess-Instrument, im Gelände der Unternehmensentwicklung eher ein Kompass als ein Navi. Daher werden die Resultate aus Fragebögen tendenziell überschätzt.  

Was ein Fragebogen tatsächlich leisten kann

Der Grund: Ein Fragebogen muss eine Reihe von Einschränkungen hinnehmen, um als Mess-Instrument für große Teilnehmergruppen zu taugen:

  1. Wenig: Immer nur eine Sache pro Frage
    Man kann pro Frage nur einen Sachverhalt abfragen. „Wir haben hier eine freundliche Arbeitsatmosphäre.“ lässt sich fragen, nicht jedoch „Wir haben hier eine freundliche und offene Arbeitsatmosphäre.“ Denn sie könnte ja auch freundlich, aber distanziert sein. Diese Begrenzung auf eine Sache schränkt massiv ein, was man in einem Fragebogen insgesamt abfragen kann. Denn mehr als 60 bis 70 Fragen sollte ein Fragebogen nicht haben, sonst steigt die Zahl der Abbrecher in der Befragung.  
  2. Oberfläche: Man erfährt nur den Sachverhalt, nicht die Ursachen.   
    Wenn man weiß, dass es hier eine freundliche Arbeitsatmosphäre gibt, weiß man noch nicht, warum das so ist. Die Ursachen lassen sich in Fragebögen so gut wie nie erfassen.  
  3. Ausschnitt:  Man erfährt nur das, was die Befragten aus eigener Erfahrung beurteilen  können.  „Unsere Kunden sind mit unseren Produkten zufrieden.“ können Mitarbeiter fern vom Kundenkontakt nicht beurteilen. Taucht die Frage dennoch im Fragebogen auf, dann gibt es natürlich ein Ergebnis, aber wahrscheinlich ein falsches.  
  4. Lückenhaft:  Man erfährt nur das, was die Befragten aktuell vor Augen haben.
    Die Aussage „Wir haben hier besondere Sozialleistungen.“ erhält manchmal niedrigen Werte, weil den Befragten die vielen Sozialleistungen des Unternehmens nicht mehr einfallen oder weil sie keinen Vergleich zu anderen Unternehmen haben. Das führt leicht zu einer Fehlmessung zum tatsächlichen Umfang der Sozialleistungen.

Manche dieser Einschränkungen lassen sich mit einer handlungsorientierten Antwortskala ausgleichen. Aber der zentrale Sachverhalt bleibt: Man erfährt über einen Fragebogen nur einige wenige Sachverhalte und davon nur die Oberfläche.  

Was mit Fragebögen gut geht: Eine Orientierung über wichtige Themen

Diese Resultate treffen dann allerdings für die Gesamtheit der Mitarbeiter zu. Das ist eine Stärke, wenn man die Auswertung nicht überfrachtet. Ein Fragebogen ist als Mess-Verfahren völlig in Ordnung, wenn man eine grobe Orientierung will und nicht eine Detail- oder Tiefenanalyse.

Bei Mitarbeiterbefragungen, bei denen es immer darum geht, ob man Dinge so lassen kann oder sie ändern sollte, heißt „grobe Orientierung“ dann zweierlei:

  1. Bei Themen mit hohen Ergebniswerten: Prima, hier brauchen wir erst mal nichts weiter zu tun.
  2. Bei Themen mit niedrigen Ergebniswerten: Obacht, hier sollten wir genauer hingucken! Wir sollten mal prüfen, was zu diesen Zahlen geführt hat.

Fragebogen-Ergebnisse können also klare Hinweise geben, um welche Themen man sich kümmern sollte und bei welchen das erst mal nicht nötig ist. Sie sind wie ein Kompass, der die Himmelsrichtung für den eigenen Weg weist. Aber sie sind kein Navi, das präzise die Route beschreibt.  

Aus den Ergebniswerten kein Drama machen – nur einen Hingucker

Wenn die Ergebniswerte niedrig sind, sollte nichts schöngeredet oder verharmlost werden. Aber ein Negativ-Urteil allein auf Basis der Zahlen zu treffen, ist immer wieder falsch und / oder ungerecht. Es reicht erst mal die Feststellung: „Hier haben wir ein paar Themen, um die wir uns kümmern müssen.“

Wenn sich beim genauen Hinschauen kritische Sachverhalte zeigen, ist für Drama immer noch genug Zeit.

 

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